attac Eine andere Welt ist möglich! Her mit dem schönen Leben!
  Hauptseite Kontakt Netzwerk aktiv werden Publikationen Material  
 
ATTAC Thüringen
 
Aktionen & Termine
 
Info-Pool
→ interner Bereich
→ Stoff von uns
→ Literatur
    → "Das Technopol"
→ Filme
→ Links
 
Retrospektive
→ EU-Basistreffen
→ Sozialforen
→ G8
→ Mehr...
 
Randnotizen
 
Seitenstruktur
 

Zitate aus:

Neil Postman: Das Technopol

Die Macht der Technologien und die Entmündigung der Gesellschaft (1991, ISBN 3-10-062413-0)


"Zu meiner Verteidigung sage ich nur, daß eine abweichende Stimme zuweilen gebraucht wird, um das Getöse zu dämpfen, das die begeisterten Massen veranstalten." (S. 13)

"... nichts Physisches, das sich nicht direkt beobachten oder durch Demonstrationen beweisen lassen, sollte bloß deshalb beargwöhnt werden, weil bestimmte Abschnitte der Bibel etwas anderes behaupteten. Deutlicher, als Kepler dies vermochte, sprach Galilei den Direktoren der Kirche die Legitimation ab, Meinungen über die Natur zu äußern. Ihnen dieses Recht einzuräumen, sagte er, sei reine Torheit. 'Das wäre, als würde sich ein absoluter Despot, der weder Arzt noch Architekt ist, nur weil er über alle Befehlsgewalt verfügte, darauf einlassen, Arzneien zu verschreiben und Bauwerke nach seinen Eingebungen zu errichten - mit großer Lebensgefahr für seine armen Patienten und großer Einsturzgefahr für seine Bauten.'" (bezugnehmend auf Galileis Brief an die Großherzogin Christina; S. 41)

"Eine Idee mag noch so dumm sein - man findet immer einen Professor, der sie gutheißt." (S. 66)

"Aber der Geist aus der Flasche, der die Informationen zur neuen Gottheit der Kultur erhob, war ein Betrüger. Er löste zwar das Problem der Informationsknappheit, deren Nachteile unübersehbar waren. Aber er warnte nicht vor der Informationsschwemme, deren Nachteile nicht so klar erkennbar waren. (...) Merkwürdig ist allerdings, daß nur wenige bemerkt, geschweige begriffen haben, woher ihre Not rührt. Man braucht sich indessen nur zu fragen: Worin bestehen die Probleme im Nahen Osten oder in Südafrika oder in Nordirland? Liegt es am Informationsmangel, wenn diese Konflikte weiterschwelen? (...)
Tatsächlich ergeben sich nur sehr wenige politische, gesellschaftliche und vor allem persönliche Probleme daraus, daß irgendwelche Informationen unzureichend sind." (S. 69f.)

"Ich lebe im Management-Zeitalter (...). Die größten Untaten werden nicht in jenen Schlupfwinkeln des Verbrechens begangen(...). Auch nicht in KZs und Arbeitslagern. Dort erblicken wir nur die letzten Auswirkungen dieser Untaten. Aber geplant und organisiert (angeregt, unterstützt, ausgeführt und protokolliert) werden sie in sauberen, warmen, hellen Büros mit Teppichboden, von ruhigen Männern mit weißen Kragen und geschnittenen Fingernägeln und glattrasierten Wangen, die nicht laut zu werden brauchen. Deshalb verbindet sich das Bild der Hölle für mich mit der Bürokratie eines Polizeistaates oder den Geschäftsräumen eines häßlichen Konzerns." (hier zitiert er C. S. Lewis; S. 93)

"Aber der Experte und die Expertin unter dem Technopol weisen zwei Merkmale auf, die sie von den Experten der Vergangenheit unterscheiden. Erstens: die Experten des Technopols sind in allen Belangen, die nicht direkt mit ihrem Fachgebiet zusammenhängen, meist ahnungslos. (...) Zweitens: wie die Bürokratie (...) beanspruchen auch die Experten des Technopols Kontrollgewalt nicht nur in technischen Fragen, sondern auch in gesellschaftlichen, psychologischen und ethischen." (S. 97)

"Intelligenz ist ein umfassender Begriff, der die Fähigkeit eines Menschen beschreibt, in einer Vielfalt neuer oder unerwarteter Zusammenhänge Probleme des wirklichen Lebens zu lösen. Jeder, ausgenommen die Experten, weiß, daß dem Einzelnen diese Fähigkeit je nach Art der zu lösenden Probleme in höchst unterschiedlichen Maße zur Verfügung steht (...) Wenn man uns jedoch glauben machen will, ein Test könne ein genaues Maß für die Menge der Intelligenz eines Einzelnen offenbaren, dann wird aus institutioneller Sicht der Punktwert in einem solchen Test gleichgesetzt mit der Intelligenz dieses Einzelnen. " (S. 99)

"Laënnec vervollkommnete sein Instrument und verwendete schließlich ein hölzernes Rohr, das er 'Stethoskop' nannte, eine Zusammensetzung aus den griechischen Wörtern für 'Brust' und 'ich sehe'. (...)
Doch darf man nicht glauben, Ärzte und Patienten seien über dieses Instrument einhellig begeistert gewesen. Die Patienten erschraken oft beim Anblick des Stethoskops, weil sie es für das Anzeichen eines unmittelbar bevorstehenden chirurgischen Eingriffs hielten, denn Instrumente benutzten damals nur Chirurgen, nicht aber gewöhnliche Ärzte. (...) Weniger belanglos war der Einwand mancher Ärzte, sie würden, wenn sie ein solches Instrument benutzten, fälschlich für Chirurgen gehalten, die damals als bloße Handwerker galten. Es bestand in jener Zeit ein unübersehbarer Unterschied zwischen Arzt und Chirurg, und jeder Vergleich fiel ganz und gar zugunsten der Ärzte aus, die aufgrund ihres Intellekts, ihres Wissens und ihrer Einsicht hohe Bewunderung genossen." (S. 108)

"Eine Meinung ist kein momentanes Ding, sondern ein Denkvorgang, der durch den ständigen Erwerb von Wissen, durch ständiges Fragen, Diskutieren und Debattieren geformt wird. Eine Frage kann eine Antwort 'nahelegen', sie kann eine Antwort aber auch modifizieren und neu formen; es wäre eigentlich richtiger, zu sagen, daß Menschen Meinungen nicht einfach 'haben', sondern in einem ständigen Prozeß des 'Meinens' oder der 'Meinungsbildung' begriffen sind. Die Meinung als meßbares Ding aufzufassen, verfälscht den Prozeß, in dem sich die Menschen ihre Meinung tatsächliche bilden, und dieser Prozeß steht in engster Beziehung zu dem, was den Kern einer demokratischen Gesellschaft ausmacht. Die Meinungsforschung sagt uns nichts und neigt dazu, diesen Vorgang unserem Blick zu entziehen. (...) sie [führt] zu einer Verschiebung der Verantwortung zwischen den Politikern und ihren Wählern (...)." (S. 146f.)

"(...) daß die Technologie der Statistik riesige Mengen gänzlich nutzloser Informationen erzeugt, wodurch die ohnehin schon schwierige Aufgabe, die nützlichen Informationen ausfindig zu machen, zusätzlich erschwert wird. Es handelt sich hierbei nicht bloß um ein Zuviel an Information, es geht hier vor allem um eine Trivialisierung von Information, die zur Folge hat, daß alle Informationen gleichrangig und unterschiedslos nebeneinanderstehen." (S. 148)

"Das Management ist keine Erfindung der modernen Wirtschaft; vielmehr ist die moderne Wirtschaft eine Erfindung des Managements." (bezugnehmend auf Keith W. Hoskin und Richard H. Macve; S. 151)

"Zweitens: das Management ist ein wichtiges Beispiel dafür, wie eine 'unsichtbare Technologie' untergründig, aber dennoch energisch neue Verfahrensweisen hervorbringt - ein klasssisches Beispiel von einem Schwanz, der mit dem Hund wedelt. Wirtschaftsunternehmen und andere Institutionen könnten durchaus ohne eine hochtechnisierte Managementstruktur funktionieren, auch wenn wir uns dies kaum vorzustellen vermögen. Wir haben uns so daran gewöhnt, daß wir beinahe geneigt sind, das Management für einen Bestandteil der natürlichen Ordnung der Dinge zu halten, so wie Studenten und Lehrer zu der Ansicht gelangt sind, Bildung sei ohne eine Struktur wie den College-Kursus geradezu unmöglich. Und wie die Politiker glauben, sie würden ohne den Beistand der Meinungsforschung im dunkeln tappen." (S. 154)

"Eine Theorie, die sich nicht auf ihre Falschheit überprüfen läßt, ist keine wissenschaftliche Theorie (...). Diejenigen, die an die sogenannte 'Schöpfungswissenschaft' glauben, reagieren mit Schweigen auf die Frage: 'Welche Beweismittel würden zeigen, daß es keinen Gott gibt?'" (S. 163)

"Eine Studie, die als sozialwissenschaftliche Arbeit vielleicht nicht unter ethischem, wohl aber unter technischem Blickwinkel große Bewunderung erregt hat, ist die Folge von (sogenannten) Experimenten, die Stanley Migram geleitet und unter dem Titel Obedience to Authority (dt.: Das Milgram-Experiment) publiziert hat. (...) Diese Leute - und auch Stanley Milgram - haben das Verhalten und Empfinden von Menschen in der Auseinandersetzung mit Problemen dokumentiert, die ihnen ihre Kultur stellte. Ihre Arbeit ist eine Form von Geschichtenerzählen. Wissenschaft ist natürlich ebenfalls eine Art von Geschichtenerzählen, aber die Grundannahmen und Verfahrensweisen der Wissenschaft unterscheiden sich von denen der Sozialforschung so sehr, daß es höchst irreführend wäre, beidem den gleichen Namen zu geben. Die Geschichten der Sozialforscher stehen ihrer Struktur und ihrer Zielsetzung nach der herkömmlichen Literatur sehr viel näher (...)" (S. 163+166)

"Die Sozialforschung kann uns sagen, wie sich manche Leute angesichts einer Autorität, die sie für legitim erachtet, verhalten. Aber sie kann uns nicht sagen, wann eine Autorität 'legitim' ist und wann nicht, oder wie wir uns entscheiden sollen, oder wann es richtig ist, zu gehorchen, und wann nicht." (S. 175)

"Tatsächlich ist Respektlosigkeit ein gutes Mittel gegen übertriebene oder erkünstelte Frömmigkeit und ist dort besonders geboten, wo Frömmigkeit als politische Waffe benutzt wird." (S. 180)

"Im Augenblick zum Beispiel hält man es allgemein für notwendig, dem Computer Zutritt zum Klassenzimmer zu verschaffen, so wie man es früher für notwendig hielt, dem Schulfernsehen und dem Lehrfilm Zutritt zum Klassenzimmer zu verschaffen. Auf die Frage: 'Warum?' lautet die Antwort: 'Um das Lernen effizienter und interessanter zu gestalten.' (...) Der Hinweis, es solle 'effizient' und 'interessant' zugehen, gibt eine technische Antwort, die sich auf Mittel, nicht auf Zwecke bezieht; sie mündet nicht in Überlegungen zur Bildungstheorie. (...) Wozu lernt man? Konfuzius, Platon, Quintilian, Cicero, Comenius, Erasmus, Locke, Rousseau, Jefferson, Russel, Montessori, Whitehead und Dewey - sie alle waren der Ansicht, es gebe eine über die Wirklichkeit hinausgreifende politische, kulturelle oder soziale Idee, die durch die Erziehung gefördert werden solle." (S. 184)

"In diesen Spots wird gesagt oder angedeutet, daß Bildung dem beharrlichen Schüler helfen wird, eine Stelle zu bekommen. Und damit hat es sich. Jedenfalls beinahe. (...) Aus diesen Werbespots geht hervor, daß die Vereinigten Staaten keine Kultur sind, sondern nur eine Ökonomie, mit anderen Worten, ein Ort, an dem eine entkräftete Bildungstheorie nur in der allergrößten Not Zuflucht sucht." (S. 187)

"Die Frage, was man tun muß, um erfolgreich zu sein, stellt sich erst, nachdem man einen Grund dafür gefunden hat, erfolgreich sein zu wollen." (S. 190)

"(...) die 'Geschichte der abendländischen Zivilisation' sei eine partikulare, tendenziöse und sogar repressive Geschichte. Sie sei nicht die Geschichte der Schwarzen, der Indianer, der Hispanics, der Frauen, der Homosexuellen - sondern nur die Geschichte weißer heterosexueller Männer aus dem jüdisch-christlichen Kulturkreis." (S. 191)

"Widerstand gegen das amerikanische Technopol leisten Menschen,
  • die einer Meinungsumfrage keine Beachtung schenken, sofern sie nicht wissen, wie die Fragen formuliert waren und warum sie gestell wurden;
  • die sich weigern, Effizienz als das vorrangige Ziel des Umgangs und der Beziehungen zwischen Menschen zu akzeptieren;
  • die sich von dem Glauben an die magische Kraft der Zahlen befreit haben, die Berechnungen nicht als einen angemessenen Ersatz für die Urteilskraft betrachten und Präzision nicht als Synonym für Wahrheit;
  • die nicht bereit sind, zuzulassen, daß die Psychologie oder eine andere 'Sozialwissenschaft' Sprache und Denken des Menschenverstandes unterläuft;
  • die der Idee des Fortschritts zumindest mit Argwohn begegnen und Information nicht mit Begreifen verwechseln;
  • die die alten Menschen nicht für nutzlos halten;
  • die die Begriffe Familienzusammenhalt und Ehre ernst nehmen;
(...) Ein Widerstandskämpfer begreift, daß man die Technik niemals als Bestandteil der natürlichen Ordnung der Dinge einfach hinnehmen darf, daß jede Technologie (...) eine Theorie in sich birgt, die das Leben lebenswerter machen kann oder auch nicht. (...) Es ist aber sehr wohl möglich, daß die Bildung, über die ein Mensch verfügt, in erheblichem Maße nicht nur dazu beiträgt, den Widerstand gegen die Technik allgemein zu propagieren, sondern daß sie gerade den jungen Menschen hilft, ihre eigenen Widerstandsformen zu entwickeln." (S. 196ff.)

"Das Curriculum von heute ist im Grunde genommen überhaupt kein Studien-'Gang', sondern nur ein sinnloses Durcheinander von Fächern oder Themen. Es entwickelt nicht einmal eine klare Vision davon, was einen gebildeten Menschen ausmacht, (...)." (S. 198f.)

"Um den Aufstieg des Menschen (...) nachzuzeichnen, müssen wir Kunst und Wissenschaft miteinander verbinden. Aber wir müssen auch Vergangenheit und Gegenwart verbinden, denn der Aufstieg der Menscheheit ist vor allem eine kontinuierliche Geschichte. Er ist sogar eine Schöpfungsgeschichte, wenn auch nicht gerade jene, die die Fundamentalisten heute so heftig verteidigen. Er ist die Geschichte der schöpferischen Kräfte, die die Menschheit bei dem Versuch, Einsamkeit, Unwissen und Elend zu besiegen, entfaltet hat und immer wieder entfaltet. (...)
Und das Beste ist, daß uns das Thema 'Aufstieg der Menschheit' eine nicht-technische, nicht-kommerzielle Definition von Bildung liefert. Diese Definition leitet sich aus einer ehrwürdigen humanistischen Tradition her und spiegelt eine bestimmte Auffassung von den Zielen des akademischen Lebens (...). Bildung gewinnen bedeutet nämlich, auch die Ursprünge und das Wachstum des Wissens und der Wissenssysteme wahrnehmen lernen; (...) Sie werden bemerken, daß eine solche Definition nicht das Kind in den Mittelpunkt stellt (...) In den Mittelpunkt stellt sie vielmehr die Idee und die Kohärenz." (S. 200ff.)

"Und die Historiker wissen auch, daß sie ihre Geschichten zu einem bestimmen Zweck schreiben - nicht selten, um die Gegenwart entweder zu verherrlichen oder zu verdammen. (...) Historiker wissen das alles (...). Aber vor den jungen Menschen machen wir ein Geheimnis daraus. (...) Der Geschichtenlehrer muß seinen Schülern klarmachen, was 'Objektivitität' und was 'Ereignis' bedeutet, er muß ihnen zeigen, was ein 'Blickwinkel' und was eine 'Theorie' ist, und er muß ihnen eine Ahnung davon vermitteln, wie man Geschichten bewerten kann. (...)
Gleichgültig, welche Ereignisse im Geschichtsunterricht dargestellt werden - das Schlimmste wäre, sie ohne jene Kohärenz darzustellen, die aus einer Theorie oder mehreren Theorien erwächst, das heißt, sie als etwas Sinloses darzustellen. (...) Es geht darum, die Abstraktionsebene, auf der 'Geschichte' gelehrt wird, anzuheben." (S. 204f.)

"Wissenschaftliche Sätze unterscheiden sich von nichtwissenschaftlichen dadurch, daß man die ersteren 'falsifizieren' kann. Wissenschaft beruht nicht auf unserer Fähigkeit, 'Wahrheit' zu erkennen, sondern auf unserer Fähigkeit zum Erkennen von 'Falschheit'." (S. 207)

"Jeder Lehrer sollte auch Semantiklehrer sein, denn es ist nicht möglich, die Sprache von dem zu trennen, war wir Wissen oder Erkenntnis nennen. So wie die Geschichte ist auch die Semantik interdisziplinär: man muß etwas von ihr wissen, wenn man in irgendeinem Fach irgend etwas verstehen will." (S. 208)

"Bildung kann Texte wie die Genesis, das Neue Testament, den Koran oder die Bhagawadgita nicht außer acht lassen. Jeder von ihnen verkörpert einen Stil und eine Weltsicht, die über den Aufstieg der Menschheit so viel mitteilen, wie man sich von einem Buch nur wünschen kann. Und diesen Schriften würde ich auch das Kommunistische Manifest an die Seite stellen, dem sich bis in die jüngste Zeit Millionen von Menschen verbunden fühlten." (S. 212)


Titel "Das Technopol"
Aus dem Inhalt
Über Neil Postman
Weitere seiner Zitate
 
 
 

Aktualisiert am 19. 07. 2010      Kontakt: attac-thueringen [at] web.de      Impressum