Wir waren dabei

Im Rathaus Schöneberg fand vom 1. bis 2. November der Irak-Kongreß 2002 statt. Vorgestellt wurden Alternativen zu Embargo und Krieg. Auf breiter Basis kamen Fachleute zu Wort. Die aggressive Politik der USA in letzter Zeit verlieh der Veranstaltung eine besondere Spannung, da ein Krieg mittlerweile unausweichlich scheint.

Freitag wurde über die Menschenrechte gesprochen, und über deren häufige Verletzungen durch das Regime in Bagdad. Die Situation muß aufgeheizt gewesen sein, leider waren wir nicht anwesend. Unser Zug ging erst am nächsten Tag nach Berlin. Das erste Panel am Samstag beschäftigte sich mit den Auswirkungen des Embargos. Professor Gottstein von der IPPNW sprach über die Zerstörung von Infrastruktur während des Krieges, und die Folgen für das Gesundheitssystem. Vor dem Krieg war die Versorgung im Irak modern, mustergültig, und umsonst. Leider wurden durch die amerikanischen Bomben nicht nur die Krankenhäuser selbst beschädigt, sondern auch die Wasser- und Energieversorgung komplett zerstört. Das strenge Embargo verhinderte danach den Wiederaufbau.

Als nächstes erhielt Dr. Hobinger das Wort. Sie hatte viele irakische Krankenhäuser besucht, und ihr Bericht war furchtbar. Die Handelssanktionen, die mittlerweile nur noch durch das Veto der USA aufrechterhalten werden, machen eine medizinische Versorgung der Bevölkerung unmöglich. Dies trifft vor allem die Kinder.

Wichtige Medikamente sind nicht verfügbar, genauso dürfen medizinische Apparate aus Furcht vor einem militärischen Einsatz nicht importiert werden. Eigentlich behandelbare Krankheiten (z.B. Leukämie bei Kindern) führen so immer zum Tod. Im Irak sterben jeden Monat über 5000 Kinder, seit dem Beginn des Embargos mehr als eine halbe Million. 70% aller eingelieferten Kinder sterben, 30% aller Erwachsenen. Die Krebsrate hat sich in einigen Gebieten des Irak dramatisch erhöht. Es wird spekuliert, daß daran die von den Amerikanern verschossene Munition aus abgereichertem Uran schuld ist. Dr. Hobinger zeigte auch Bilder von entstellten Babys - Im Südirak gibt es beunruhigend viele Mißgeburten.

Unterernährung ist ein weiteres Problem. 50% der irakischen Bevölkerung lebt an der Armutsgrenze. (Es wären 90%, müßten die Leute die monatliche Nahrungsration selbst bezahlen.) Das Regime von Saddam Hussein ist in der Versorgung der Bevölkerung sehr effizient, aber die Mittel reichen einfach nicht.

Durch diese erschütternden Ausführungen wurde gezeigt, daß die von der UNO verhängten Sanktionen gegen das Völkerrecht verstoßen, und daher illegal sind. Professor Graefrath, ehemals Mitglied der UN-Menschenrechtskommission und UN-Völkerrechtskommission ließ sich in einem Vortrag darüber aus.

Hans von Sponeck bestätigte diese Darstellungen. Der Irak wird durch die Sanktionen absolut umfassend bestraft. Das Volk wird von der UN für seine Regierung zur Rechenschaft gezogen. Dabei rechtfertigen die Dimensionen eine Bezeichnung als Völkermord. Dem Land werden systematisch alle lebensnotwendigen Dinge vorenthalten. Dies ist natürlich nicht gerechtfertigt. In gewisser Weise kann man die Sanktionen der UN als ein makaberes Experiment sehen, bei dem ein ganzes Land unfreiwillig zu Versuchskaninchen gemacht wurde. Es wurde empfohlen, das Embargo durch Ungehorsam zu brechen, auch auf staatlicher Ebene. Die Menschen im Irak sind zum überleben auf unsere Hilfe angewiesen.

Ein weiterer Referent war Jan Øberg, Direktor der schwedischen Transnational Foundation for Future Research. Er sprach über die Unmöglichkeit der gegenwärtigen Politik, sein Urteil über die Bush-Regierung fiel vernichtend aus. Auch Saddam Hussein wurde als brutaler Despot verurteilt.

Außerdem redete Øberg über die Mittel, mit denen der Krieg noch abgewendet werden kann. Seine Vorschläge bezogen sich sowohl auf die europäische Politik als auch auf die Möglichkeiten von Individuen. Er sprach sich für einen gemeinsamen Antikriegskurs der EU-Länder aus, der den USA gegenüber vertreten werden sollte.

Menschen, die nicht mit der aktuellen Politikern zufrieden sind, müssen alles tun, um ihrer Stimme gehör zu verschaffen. Briefe und Demonstrationen sind ein geeignetes Mittel. Der Protest muß fühlbar sein. Außerdem ist es extrem wichtig, die schlimme Situation anderen Menschen klarzumachen. Die einseitige Berichterstattung in den westlichen Medien schafft ein falsches Bild vom Irak. Unterstützt wird diese Desinformationskampagne durch die bewußten oder unbewußten Falschdarstellungen der Politiker. Die Dämonisierung von Saddam stimmt die Bevölkerung in den westlichen Ländern auf einen Krieg ein, das Schicksal der irakischen Bevölkerung wird dabei völlig vergessen.

Aber auch Kriegsgegner müssen nicht unbedingt aus Sorge um die irakische Bevölkerung handeln. Dies bewies Scott Ritter, der seine Rede im zweiten Panel hielt. Als echter Patriot denkt er nur an das Wohl von Amerika. Durch seine Tätigkeit als UN-Waffeninspektor ist er wie kein zweiter qualifiziert, über die angebliche Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen zu sprechen. Da solche Waffen nach acht Jahren Abrüstungen nicht mehr existieren, besteht keine Basis auch nur an Krieg zu denken. Laut Ritter sind 90 bis 95 Prozent des irakischen Arsenals von B und C Waffen von der UN vernichtet worden. Der Rest ist entweder mittlerweile unbrauchbar. Das Atomprogramm des Iraks wurde zu 100 Prozent zerstört. Selbst im Zweifelsfall muß immer die UN eine Lösung erarbeiten, niemals die Amerikaner allein. Eine mögliche Wiederbewaffnung in der Zukunft kann niemals der Grund sein, jetzt einen Krieg zu führen.

Der Botschafter des Irak in Großbritannien kam auch zu Wort. Er sprach darüber, daß die Engländer und Amerikaner auch auf diplomatischer Ebene den Irak isolieren. Gesprächsangebote werden konsequent ignoriert. Auch wird die Verständigung von Bagdad mit den Kurden im Nordirak erschwert.

Den Abschluß des Tages bildete eine Podiumsdiskussion, an welcher Hans von Sponeck, der Friedensforscher Reinhard Mutz, MdB ad. Edelbert Richter, Wolfgang Gerke beteiligt waren. Diese Gesprächsrunde konnten wir leider nicht komplett anhören, weil wir unseren Zug nicht verpassen wollten.

Tilman Hesse.

www.Irak-Kongress-2002.de
Die offizielle Webseite des Irakkongreß: Fotos, Reader und anderes Material.
Zur Person Jan Øberg
Die Webseite der Transnational Foundation zu Jan Øberg.
Ärzte gegen einen Atomkrieg (IPPNW)
Die Seite der Internationalen Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs - Ärzte in sozialer Verantwortung.
The Uranium Medical Research Centre
Depleted Uranium (abgereichertes Uran) wird kontrovers diskutiert. Das UMRC will Klarheit über das Schadenspotenzial schaffen.

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